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Warum viele Menschen jahrelang nicht zum Zahnarzt gehen – neue Zahlen zur Dentalphobie

Nur die wenigsten Menschen gehen gern zum Zahnarzt: Das ist insofern nicht verwunderlich, weil medizinische Behandlungen im Mundraum und an den Zähnen nun einmal nicht sonderlich angenehm sind – selbst wenn es nur um etwas Zahnstein oder eine generelle Routinekontrolle geht. Viele Menschen empfinden diese Abneigung aber deutlich stärker, teilweise so stark, dass sich sogar eine psychologische Dentalphobie diagnostizieren lässt.

Nicht jede Zahnarztangst ist gleich

Angst ist nicht gleich Angst und nur weil der Termin beim Zahnarzt als unangenehm empfunden wird, ist das im medizinischen Sinne noch längst keine Phobie. Gemeinhin wird hier zwischen drei Stufen unterschieden:

– eine „normale“ Angst, die Patienten als etwas unangenehm empfinden, sie gehen aber dennoch verlässlich zu ihrem Termin
– eine „starke“ oder „erhebliche“ Angst, die mit körperlichen und psychischen Stresssymptomen verbunden ist, Termine werden aber wahrgenommen
– eine Dentalphobie, also eine klinische Angststörung, bei der Termine jahrelang hinausgeschoben oder gar nicht mehr vereinbart werden

Wenig überraschend, zeigt dahingehend auch der Querschnitt der Bevölkerung erhebliche Unterschiede. Das „Institut der Deutschen Zahnärzte“ schaute dahingehend einmal genauer hin: Bei einer Befragung von knapp 1.800 Erwachsenen gaben rund 60 % der Teilnehmer an, zumindest in irgendeiner Form Angst vorm Zahnarzt zu haben.

Eine Meta-Studie, die mehrere Studienergebnisse untersucht, gibt es vom DGZMK (Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde). Die Wissenschaftler ermittelten hierbei, dass eine konkrete Angst bei etwa 60 bis 80 % aller Patienten, je nach Studie, vorliegt. „Hoch ängstlich“ sind hingegen nur etwa 20 % der Bevölkerung – aber auch diese 20 % haben nicht allesamt eine klinische Dentalphobie.

Statistisch ist die Dentalphobie eine mäßige Ausnahme – aber von gesellschaftlicher Relevanz

Konkrete aktuelle Einschätzungen liefert die S3-Leitlinie zur Zahnbehandlungsangst mit Krankheitswert. In Deutschland sind S3-Leitlinien klinische Entscheidungshilfen von größtmöglicher Qualität: Sie helfen Medizinern Betroffene, die entsprechende Krankheitssymptome aufweisen, nach festen Prinzipien zu behandeln.

Die S3-Leitlinie zur Zahnbehandlungsangst ging zuletzt davon aus, dass in Deutschland etwa 5 bis 10 % der Menschen eine Dentalphobie haben. Das deckt sich mit europäischen Studien des ECDI-Zentrums, welche von einem Anteil zwischen 5 und 11 % ausgehen. Einige dieser Menschen schaffen es nach wie vor zum Zahnarzt, wenn auch nicht regelmäßig oder so oft wie nötig. Nur rund 5 % der Bevölkerung vermeidet laut beiden Studien den Zahnarztbesuch vollständig.

Quer durch diese Studien zeigen sich zwei weitere wichtige Parameter: Die Dentalphobie betrifft statistisch häufiger Frauen als Männer, zudem sind jüngere Menschen generell etwas stärker davon betroffen als ältere Menschen.

Wie entwickelt sich eine Dentalphobie?

Die Dentalphobie ist ein ernstzunehmendes Problem: Aus psychologischer Sicht selbstverständlich für die Betroffenen, aus medizinischer Sicht aber auch im weiteren Verlauf für deren Zahn- und Mundraumgesundheit. Erschwerend kommt hinzu, dass die Zahnarztangst zu den in Deutschland häufigsten medizinischen Ängsten gehört.

Gefährlich ist eine Dentalphobie auch deshalb, weil der Übergang von einer „einfachen“ Zahnarztangst hin zu einer konkreten Dentalphobie fließend ist. Menschen, die Angst vorm Zahnarzt haben, aber ihre Vorsorge- und Behandlungstermine weiterhin wahrnehmen, haben in den allermeisten Fällen keine Phobie – sondern nur Angst.

Bei einer Dentalphobie werden Termine hingegen verschoben, gar nicht erst vereinbart und abgesagt. Das Problem dabei: Mit jedem nicht wahrgenommenen Termin verschlechtert sich die Zahngesundheit, bei Betroffenen steigen parallel dazu das Angstgefühl und die Scham weiter an – wodurch der Vermeidungsdrang künftig noch ausgeprägter ist. So entsteht ein Teufelskreis, der für Betroffene ohne professionelle psychologische Hilfe oftmals nicht zu durchbrechen ist.

Als die häufigsten Gründe, die zu einer Dentalphobie führen, werden normalerweise diese aufgeführt:

– Betroffene hatten im Kindesalter negative Erfahrungen beim Zahnarzt
– es existiert eine allgemein hohe Angst vor Schmerzen und/oder Spritzen
– Betroffene, mitunter auch mit psychologischem Trauma in der Vergangenheit, fürchten den Kontrollverlust während der Behandlung
– es existiert ein ausgeprägtes Schamgefühl für den eigenen Zustand der Zähne

Die Dentalphobie hat gravierende Folgen

Betroffene vermeiden Zahnarztbesuche nicht selten für 10 oder 20 Jahre. Offensichtlich verschlechtert sich in diesem Zeitraum der Zustand der Zähne konsequent weiter. Das führt zu noch größeren Ängsten, denn auch Betroffene wissen, dass es nun längst nicht mehr mit einem „einfachen“ Kontrolltermin getan ist. Nicht selten ist der Zahnzustand nach 10 oder 20 Jahren so schlecht, dass erhebliche Eingriffe notwendig sind. Die wiederum sind natürlich mit den zu erwartenden ebenfalls erheblichen Schmerzen verbunden.

Studien zeigen aber auch, dass es Lösungen gibt. Kognitive Verhaltenstherapien gelten als die wirksamste Behandlung, diese arbeiten mit einer schrittweisen Exposition. Ebenso sollten Betroffene nach Zahnärzten suchen, die sich auf die Behandlung von Dentalphobie- und Angstpatienten spezialisiert haben.